KI und Gesellschaft

Kapitel I, Übergang von Handlung zu Beziehung

§ 3. Die algorithmisch vermittelte soziale Beziehung

Runde 4: Beziehungstypen stimmigkeitsgeprüft und Grenzfall der KI-Beziehung präzisiert

Symbolische Grafik: Algorithmisch vermittelte soziale Beziehung

Eine soziale Beziehung besteht, wenn mehrere Akteur:innen ihr Handeln sinnhaft aufeinander einstellen. Algorithmische Vermittlung hebt diese Definition nicht auf, sondern verändert die Wege, auf denen Erwartungen gebildet, beobachtet und stabilisiert werden. Menschen beziehen sich über Rankings, Profile, Empfehlungen, Moderationsentscheidungen oder generierte Texte aufeinander; das technische System ordnet die Bedingungen dieser Bezugnahme, ohne selbst notwendig Beziehungspartner im strengen Sinn zu werden. [weber1978] [gillespie2014]

Die Beziehung zu KI-Systemen ist demgegenüber ein Grenzfall. Nutzer:innen können Antworten als hilfreich, verletzend, autoritativ oder tröstend behandeln, doch die Gegenseite ist keine Person mit eigenem Sinnhorizont. Soziologisch interessant ist daher nicht eine behauptete Maschinen-Intentionalität, sondern die praktische Tatsache, dass Organisationen und Nutzer:innen maschinelle Ausgaben wie Beiträge in sozialen Situationen behandeln. [suchman2007]

Algorithmisch vermittelte Beziehungen sind häufig asymmetrisch. Plattformen und Modellanbieter verfügen über Datenzugang, Regelsetzung, Interfacegestaltung und Interpretationsmacht; Nutzer:innen begegnen diesen Ordnungen meist über Oberflächen, Metriken und nachträgliche Begründungen. Genau hier schließt die spätere Frage der legitimen Ordnung an: Beziehung wird nicht nur durch Interaktion, sondern durch geregelte Ungleichheit stabilisiert. [vandijck2018] [anannycrawford2018]

Dauerhafte, flüchtige und simulierte Beziehungen müssen analytisch getrennt werden. Dauerhaft ist die Beziehung, wenn Profile, Scores und Datenhistorien den künftigen Umgang prägen. Flüchtig ist sie, wenn einzelne Ausgaben keine stabile Erwartungskette bilden. Simuliert ist sie, wenn Nähe, Antwortfähigkeit oder Fürsorge erzeugt werden, ohne dass soziale Gegenseitigkeit im strengen Sinn vorliegt. Diese Dreiteilung hält § 3 zwischen Sinnbegriff und Zurechnungsfrage offen: Sie erklärt, wann eine Beziehung vorliegt, ohne jede Interaktion mit einem System zur sozialen Beziehung zu erklären. [suchman2007] [kitchin2017]

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